31.03.2010

Rückblick Nr. 1 und eine Bilderauswahl

Nun sind wir schon wieder seit einer Woche zurück in Deutschland und meine Gedanken hängen der Zeit in Afrika nach, wie die Wolken am Dortmunder Himmel. Mit etwas Abstand erscheint “der schwarze Kontinent” zwar unendlich weit weg, doch jedes Foto, jeder Spruch, holt einen wieder zurück. Zwar nur für einen Moment, aber doch gerade lange genug, um irgendwo zwischen Trauer darüber, dass die Zeit dort so schnell vergangen ist und Erleichterung, dass man endlich wieder zuhause ist, anzukommen und zu verweilen. Nur Sekunden später ist man wieder dort, wo man physikalisch ist, aber diese kurze gedankliche Flucht zurück, tut ein ums andere Mal gut. Wer noch nicht in Afrika war: fahrt hin. Die Betonung liegt tatsächlich auf “fahren”, denn wie der Rückflug mir bewusst machte, während ich zwischen schlechtem Bord-Essen und zwei großgewachsenen Männer eingeklemmt dort saß (oder wahlweise zusammengekauert versuchte zu schlafen), ist das Fahren, mal abgesehen vom Wandern, die beste Möglichkeit, um Afrika zu erleben. Auch wenn es mit Marokko, Mauretanien, Senegal und Gambia nur ein erschreckend kleiner Teil des riesigen Kontinents war, den wir bereisen durften, nimmt man doch einiges mit. In sechs Stunden Rückflug von Banjul nach Brüssel legten wir just die Strecke zurück, die wir, mit drei Ruhetagen zwischendurch, in drei Wochen gefahren waren. Abflug in Banjul am späten Abend, Afrika von oben bei Nacht, Ankunft in Europa in den frühen Morgenstunden – so kann man einen Kontinent auch “bereisen”; schön ist das aber nicht.

Wenn ich jetzt, nach einer Woche zurück daheim, gefragt werde, wie es war, dann antworte ich immer gleich: es war anstrengend aber unglaublich geil. Die Ausführungen, die sich anschließen, richten sich dann nach dem Fassungsvermögen meines Gegenübers und enden meist so: “Und dann fliegst du in sechs Stunden das, was du in drei Wochen gefahren bist. Krass, oder?” Dazwischen vergehen Minuten oder eine Stunde. Wenn ich anfange, fällt es mir schwer, wieder aufzuhören. Ich muss mich bremsen und vor allem davon absehen, andauernd zu erzählen, wie wenig ich geschlafen habe, wie viel ich getrunken habe und wie oft wir dem Tod so grade von der Schippe gesprungen sind. Dann erzähle ich über Dünen, bettelnde Kinder, arme Menschen, die sich selbst nicht als arm ansehen, marokkanische Märkte, Prostitution in Gambia, Verkehrsregeln die kein Mensch beachtet, Bergpässe und wie es sich anfühlt, als einziger Weißer unter Schwarzen zu sein.

Und dann werde ich gefragt, ob ich etwas besonders schön, besonders schlimm oder besonders aufregend fand. Ob ich etwas für mich mitgenommen (geistig) und mitgenommen (materiell) habe.

Besonders schön war, dass wir direkt ab dem Start vier andere Vollpfosten getroffen haben, die uns die gesamte Fahrt über begleitet haben und die mir bei unserem Abflug in Banjul Tränen in die Augen trieben. Was, Tränen? Ja ja, ich hatte was im Auge. Ich glaub es war eine dieser Brüllmücken. Wahrscheinlich hab ich jetzt Malaria. Und rote Augen. Wegen der Malaria.

Besonders schlimm fand ich, dass in Gambia, bei der Versteigerung, bei der Besichtigung der Projekte und bei der anschließenden Kommunikation mit der Dresden-Banjul-Organisation nichts so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, denn die Details müssen erst einmal auf anderem Wege geklärt werden, aber ich bin sehr enttäuscht von der Art und Weise, wie sich die ganze Sache zum Abschluss in Gambia hin entwickelte. Versteht mich nicht falsch, die Rallye war unglaublich klasse, die Organisatoren waren in meinen Augen irgendetwas zwischen Vollprofi und gutem Freund und halfen, wo sie konnten. Nur der zweite Teil, das “offizielle” Programm in Gambia, hat mich sehr enttäuscht. Aber genug davon und weiter zu: Was war besonders aufregend?

Alles, nichts. Jede neue Erfahrung war aufregend und kurze Zeit später schon wieder alt. Genauer betrachtet war dann wohl eher die Schlagzahl, mit der neue Erfahrungen auf einen einprasselten, das eigentlich Aufregende. Zumindest eher als die eigentlichen Erfahrungen an sich. Denn eines gab es nicht: Kontinuität. Es war wie im Kiosk, wenn man vor der Süßwaren-Kläppchen-Box-Abteilung steht und sagt: “Zwei von der 24.” Und plötzlich sieht man in der hintersten Ecke, fast versteckt, grüne Frösche. Und bevor man die neue Order abgegeben hat, sind einem schon die blauen Delphine aufgefallen. Und vom Lakriz will ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Da tun sich dann nämlich neue Welten auf.

Abschließend die Frage, ob man etwas mitgenommen hat. Materiell gesehen ist die Frage recht schnell beantwortet: ein afrikanischer Holzschnitzereien-Markt + Europäer = Übergepäck.

Geistig, um es salopp zu sagen, gesehen, hat sicherlich jeder Rallyefahrer seine eigenen Erfahrungen gemacht und etwas aus Afrika mitgenommen. So auch ich; dachte ich. Afrikanische Gelassenheit, gelernt durch elf Stunden an der marokkanisch/mauretanischen Grenze und zwei Stunden Warterei auf ein Essen in Nouakchott, Pustekuchen. Der erste Vollidiot, der mir hier in Dortmund vor die Karre kam und nicht schon bei Gelb von der Ampel losgefahren war, wurde innerlich beschimpft, angehupt und verflucht. Trommelnde Finger auf dem Lenkrad signalisierten dem Voranfahrenden, sollte er mich im Rückspiegel sehen, dass ich es eilig habe, weil ich unbedingt irgendwo hin muss, aber schnell. Die “smiling coast”, wie Gambia sich urlaubswirksam nennt, war in diesem Moment so weit weg, wie Dieter Bohlen von guter Musik.

Wenn ich überhaupt etwas, mit noch frischen Abreise-Narben und noch unter dem Einfluss von Malarone (letzter Tag heute), mitgenommen habe, dann ist es die Offenheit, die man durch eine so lange Reise entwickelt. Ich habe Dinge gegessen, die man laut Reiseführer nicht essen sollte, wir sind Routen gefahren, die man laut Reiseführer nicht fahren sollte, wir haben Länder berreist, die man laut Auswärtigem Amt nicht bereisen sollte und wir haben im Wow gefeiert, wo die Prostituierten sich offen anbieten und atmen gleich Gras rauchen ist. Und, wie die Ösis auf mehreren ihrer Karten in die Heimat schrieben, wir haben überlebt. Die Sorgen meiner Eltern, Christianes und die ihrer Eltern war unbegründet, das Auto hat gehalten und die Bedenken, sich jeden Tag möglicherweise mit irgendetwas den Magen zu verderben, sind rückblickend nur zum lachen. Everyday good, wie Patrice singen würde. Wie passend, denn genau so war die Rallye. Everyday good.

Nun hat mich also der Alltag wieder. Und das ist auch gut so. Denn die Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden. Das tue ich, nach und nach, immer mal wieder, in stillen Momenten, wenn man gerade an nichts denkt. So wird Afrika und die Rallye wohl für lange Zeit in meinem Kopf und Herzen bleiben. Und wer weiß, ich wäre ja nicht der erste, der die Tour noch mal angeht, obwohl er weiß, was für Strapazen auf ihn zukommen. Aber jede einzelne Strapaze ist es im Endeffekt wert!

Übrigens: Durch eine Hau-Ruck-Aktion haben ich die Anzahl an Fotos, die wir gemeinsam (Jumbo Pott für Afrika mit gefühlten zehn Kameras) geschossen haben, von 7.000 auf 4.000 reduziert. Mittlerweile habe ich eine verträgliche Anzahl von Fotos zusammen (knapp 120), die für mich ein halbwegs vollständiges Abbild der Rallye geben. Die Bilder gibt es auf einer separaten Seite, und zwar hier.

Abschließend, und das wird sicherlich nicht der letzte Rückblick gewesen sein, möchte ich (bzw. wahrscheinlich auch Art) ein paar Leuten danken:

Christiane, für die Unterstützung vor, während und jetzt nach der Rallye
meinen (bzw. unseren, wenn ich für Art und mich sprechen darf) Eltern, die uns trotz Sorgen haben fahren lassen
unseren Freunden, die sich vor der Rallye immer wieder alles anhören mussten und die nach der Rallye sich noch einiges werden anhören müssen*
unseren privaten Spendern, die mit ihren finanziellen oder Sachspenden geholfen haben, Kinderaugen zum leuchten zu bringen
unseren Sponsoren, durch die unsere erfolgreiche Teilnahme erst möglich wurde
allen Mitlesern und Mitfieberern, die ab und an im Blog oder auf der offiziellen Rallyeseite unsere Tour verfolgt haben
den Organisatoren der Rallye, die uns viel abgenommen und ermöglicht haben und immer ein offenes Ohr, ein volles Bier und ein gutes Gespräch auf Lager hatten

Kommentare

Immer wieder gern mein Alles, aber beim nächsten Mal bin ich mit an Deiner Seite. Ich freu mich schon!

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