7.03.2010

6. März 2010, 20:00 Uhr

Tag 5 und 6

Larache – Marrakesch

(seb)
Die erste Nacht auf afrikanischem Boden hätte so entspannt in einem Hotel, mit einem richtigen Bett, gefeiert werden können. Aber erstens hatten fast alle Rallyefahrer dieselbe Idee (was nicht gut ist, wenn das Team Jumbo Pott für Afrika grundsätzlich als letzter irgendwo aufschlägt) und zweitens konnte sich der kleine Teil des Teams (2), der im Hotel schlafen wollte, nicht gegen den Rest der Schlechtwetter-Camping-Liebhaber (4) durchsetzen. Bei miesem Wetter kamen wir also auf dem Campingplatz in Larache an und versuchten uns, nachdem mindestens fünf „Einweiser“ uns ordentlich in vier Meter breite Parklücken eingewiesen hatten, häuslich einzurichten. Das klappte dank einer Plane, einer Stange und vieler Seile hervorragen und so wurde die erste Nacht in Afrika dann doch noch feucht-fröhlich anstatt nur feucht.

Am nächsten Tag ging es dann in Richtung unseres ersten Hauptziels, auf das ich mich persönlich am meisten gefreut habe: nach Marrakesch. Entlang der Autobahn erlebten wir dann die ersten Kulturschocks mit Hunden, Menschen und Eselskarren auf der Autobahn. Schön waren auch die geschätzten 1001 Polizisten, die versteckt hinter Büschen und Mauern mit ihren ausgedienten französischen Radarpistolen standen, meist aber nur Marokaner rauswinkten. Wir hielten uns (nach Org-Warnung und wahrscheinlich zum ersten Mal in unseren Leben) strickt an die zulässige Höchstgeschwindigkeit, was zumindest auf der marokkanischen Autobahn kein Problem darstellte, weil wir mit 100 Sachen (bei erlaubten 120) dahinjuckelten.

Nach diversen Tank-, Einkaufs- und Essensstopps (unter anderem ein Halt bei McDonalds, um den sehr empfehlenswerten McArabia zu essen) kamen wir nachmittags am Campingplatz an einer Ausfallstrasse Marrakeschs an und machten uns, nach zähen Verhandlungen über die Möglichkeit, unsere Autos direkt an den Zelten zu parken, heimisch. Dank des Vorzeltes von Team Jumbo waren wir sonnen- und regenschutztechnisch bestens ausgestattet.

Erst einmal ging es in voller Teamstärke in die City von Marrakesch, um sich den Platz der Gehängten mit seinen vielen Essensständen und die Altstadt mit ihren engen Gassen anzuschauen. Der Chef des Campingplatzes hatte einen Minibus organisiert und so ging es mit anderen Rallyeteilnehmern in die City – zu diesem Zeitpunkt waren wir ihnen noch recht sympathisch, auch wenn sie es für unangebracht hielten, mit einem Cuba Libre in der Hand die City unsicher zu machen. Aber was will man machen, wenn direkt am Zelt frische Limonen wachsen? Die werden ja schlecht, wenn man sie nicht für etwas benutzt – und Verschwendung ist nicht unsere Sache. Angekommen am Platz der Gehängten (es war mittlerweile dunkel) liefen wir gegen eine Wand aus Düften, Lauten und Eindrücken, die merklich jeden von uns tief beeindruckten. Der Platz der Gehängten ist einer der zentralen Plätze der Stadt, wohl auch einer der, die nur wegen der Touristen sind, wie sie sind. Man wird zumindest von Schlangenbeschwörern, Leuten mit Äffchen an der Kette und Frauen, die Schmuck, Holzgefäße oder auch mal nur Tempo-Taschentücher verkaufen, permanent bedrängt. Ric htig heftig wird es dann, wenn man sich in den Bereich der unzähligen Fressbuden begibt, in dem (ich nenne sie mal so) Promoter versuchen, dich in „ihr“ Restaurant zu ziehen. Komischerweise wurden wir meist als Deutsche erkannt und bekamen ein „Schweinsteiger“ hinterher gerufen. Als wir dann mit einem netten „Merci“ ablehnten, wurde aus den „Schweini“-Rufen ganz schnell „Schwuls“-Rufe, was den Promotern sichtlich Spass und uns um einen Spruch reicher machte, den wir auf einen der beiden Tourtische schreiben konnten. Was, ihr wisst noch gar nicht, was unsere Tourtische sind? Dazu auch später mehr.

Wir schlenderten durch die kleinen, dunklen und engen Gassen der Altstadt und schauten uns Geschäfte mit landestypischen (toll verzierte Lampen, kleine Trommeln, bunte Kleidung) und urlaubtypischen Souvenirs (Ed Harty, Lui Vutton und Dolze & Gambana – ja, es gibt tatsaechlich so schlechte Fälschungen) an, bevor wir uns entschieden, etwas auf dem Markt zu essen. Essen ist allerdings für die Auswahl, die kurze Zeit später auf unserem Tisch stand, untertrieben. Es war mehr ein Festmahl, mit verschiedenen Fleischspiessen, Meeresfruechten, Brot, Saucen, Cuscus und einem Minz-Tee zum Abschluss. Um 23 Uhr sollte unser Mini-Bus zurück zum Campingplatz fahren, also hatten Team Lorenz (also Lorenz) und ich noch Zeit, ein bisschen im Netz zu surfen, während der Rest schon mal zur Bushaltestelle ging. Um 22.51 Uhr kam dann der Anruf, dass wir uns beeilen sollten, weil der Busfahrer los wolle. Wir beeilten uns, mussten aber feststellen, dass unsere Plätze schon besetzt waren und eine ältere Rallyeteilnehmerin gemeinsam mit ihrem Mann darauf drängte, doch endlich los zu fahren, weil man ja den Bus „bestellt habe“ und nicht länger warten wollte.

Uns war es ziemlich egal, da wir eh lieber ein traditionelles Fortbewegungsmittel nehmen wollten, mit dem man zusätzlich auch billiger fahren konnte. Die Wahl fiel auf eine Mercedes W123-Limousine, allerdings waren wir zu sechst, was unserer Meinung nach ein Problem darstellte. Nach Meinung des Taxifahrers war das allerdings überhaupt kein Problem und so saßen wir ziemlich schnell mit sechs Mann im Benz. Art und Hardy (beide 1,98 Meter) quetschten sich nach vorne auf den Beifahrersitz, Lemmi, Lorenz, Phillip und ich saßen hinten – durchaus bequem – und preschten mit dem Taxi durch Marrakesch.

Dann begann der „besinnliche“ Teil des Abends, den wir bei gutem spanischen Bier (Steinkrug), guter Berliner Musik (Seeed) und guten Gesprächen (Schwuls! Selber schwuls!) ausklingen lassen wollten. Daraus wurde aus vielen Gründen nicht und am nächsten Morgen meinten unsere Zeltnachbarn, dass wir uns mit der vergangenen Nacht „keine Freunde“ gemacht hätten, woraufhin Art, noch im Zelt liegend, meinte, dass das auch gar nicht unsere Absicht gewesen war. Die Ereignisse zwischen unserer Ankunft am Campingplatz (23.30 Uhr) und Arts Spruch (9.30 Uhr) habe ich nachfolgend zusammengefasst und gebündelt,:

23.30 Uhr:Ankunft am Platz
23.35 Uhr: Cuba Libre Nr. 2
23.37 Uhr: Bier Nr. 1
23.56 Uhr: Musik läuft leise
00:40 Uhr: Bier Nr. 4
01:05 Uhr: Musik läuft auf Zimmerlautstärke (ohne vorhandenes Zimmer)
01:30 Uhr: Bier? Ja, ein halbes trink ich noch, dann is aber Schluss.
01:45 Uhr: Morgen ist ja Ruhetag, da können wir ausschlafen.
01:46 Uhr: Musik auf voller Lautstärke
02:30 Uhr: Riddim No. 1 von Seeed läuft mal wieder, es wird mitgesungen
02:45 Uhr: Das Vorzelt wird zum Club, es tropft von der Decke, die Leute tanzen
04:00 Uhr: Chop Sui von System of a Down, Pogo im Türbereich von Jumbo
04:05 Uhr: Diver über den Tourtisch, vorgeführt in Perfektion von irgendjemandem aus Berlin, der den Nachnamen eines Designers als Vornamen trägt
04:05 Uhr: Fire von Scooter, Headbangen von Lemmi
04:45 Uhr: Abruptes Ende der Party

Die Gründe für das doch sehr abrupte Ende der Party sind bekannt, bleiben aber unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Nur so viel: Team Africar bekam am nächsten Morgen ein Selbstbau-Blinkergehäuse zusammen gezimmert, weil das Originalteil durch viel Kopfarbeit den Weg allen Irdischen ging. Wer sich daraus einen Reim machen kann: Willkommen im Team Jumbo Pott für Africut, äh, Africar.

Um 5.30 Uhr lagen wir dann auch endlich im Bett. Ich erwachte wohl als erster, irgendwann gegen neun Uhr, mit einem dicken Kopf und dem Gefühl, dass die Rallye so eine Party wohl noch nie gesehen hat. Geweckt wurde ich von lauten Stimmen, die vor unserem Stellplatz diskutierten. Angeführt wurde das Gespräch vom Campingplatz-Chef, der es schaffte, uns in einem Satz gleichzeitig zu verfluchen und zu feiern. Unser erster Fan war geboren, von da an sagte er immer „Nächste Nacht nicht so laut, bitte.“, um uns dann mit einem „Daumen hoch“ für die gelungene Festivität zu gratulieren.

Der Ruhetag in Marrakesch wurde seinem Namen durchaus gerecht, denn bis 15 Uhr ging erstmal gar nichts. Lorenz machte sich schon etwas früher auf in die City, um sich ein Hostel für die Nacht zu suchen, der Rest des Teams verbrachte die Zeit bis zum späten Nachmittag mit Reparaturarbeiten am Tourtisch und Entspannen unterm Vordach der Jumbos.

Ach ja, ich wollte ja noch erwähnen, was genau mit Tourtische gemeint ist. Angefangen hat alles mit unserem Tisch auf dem spanischen Campingplatz. Wie man den offiziellen Rallyeberichten vielleicht entnehmen kann, haben wir Schablonen gebastelt, mit denen wir „Pott für die Welt“, „Jumbo Pott für Afrika“ und seit neustem auch unser neues, gemeinsames Logo, den Pylon aufsprühen können. Die ersten Versuche mussten natürlich auf etwas Eigenem stattfinden. Just in diesem Moment packte jemand unseren Tisch aus, der dann prompt zum Tourtisch ernannt wurde. Seitdem wird unser (und mittlerweile auch der vom Team Jumbo) besprüht und mit Sprüchen beschrieben, die uns entlang unseres Weges irgendwie in den Kopf oder zu Ohren gekommen sind. Die Tische sehen also auch dementsprechend aus, wir haben sie aber so lieb gewonnen, dass wir schon überlegen, wie wir sie wieder nach Deutschland bekommen.

Am frühen Abend nahmen wir uns dann wieder ein Taxi (es warteten knapp 25 Leute auf dem Campingplatzbus mit nur 15 Sitzplätzen) und fuhren abermals in die City, um uns Marrakesch noch einmal im Hellen anzuschauen, ein paar Souvenirs zu kaufen und das fantastische Essen auf dem Platz der Gehängten zu kosten. Angekommen auf dem Platz ging es direkt zum Schneckenstand, an dem sich Lemmi eine Portion bestellte. Art und ich probierten beide auch, ich hatte noch zwei Stunden später das Gefühl, dass die Schnecken irgendwo in meinem Magen herum krochen, ernsthafte Folgen zog der Genuss der Tierchen aber nicht nach sich. Im Anschluss an die Schnecken-Verkostung ging es in das Gewühl der Basare der Stadt, auf denen man alles und nichts kaufen kann. Wir deckten uns mit Sonnenbrillen, Ledertaschen und Souvenirs ein und nutzen die Zeit, die wir noch vor dem offiziellen Treffpunkt mit den Orgs auf dem Markt hatten, um uns auf einer der vielen Terrassen rund um den Platz der Gehängten einen Kaffee zu genehmigen und ein paar Fotos „von oben“ zu schießen. Wir waren gerade oben auf dem Sonnendeck des Cafés angekommen, da began der erste Muezin ????? im Minarett der Moschee neben uns zum Gebet zu rufen. Über Marrakesch ging langsam die Sonne unter, im Hintergrund erstrahlte der Atlas in seiner vollen Pracht und nach und nach kamen immer Muezine ?????, verteilt über die ganze Stadt, hinzu. Man kann sich, glaube ich, vorstellen, was für eine Stimmung über der der Stadt, der Terrasse und auch uns lag. Genau so wollte ich Marrakesch erleben.

Nach dem anschließenden Essen ging es für fünf von uns zurück zum Campingplatz; Lorenz blieb in der Stadt und ließ sich noch etwas treiben.

Zurück auf dem Campingplatz hielten wir uns brav an das Versprechen gegenüber dem Chef des Platzes und drehten die Musik erst gar nicht auf. Phillip hatte sich schon ins Bett verabschiedet und auch wir anderen waren dabei, uns die Zähne zu putzen, als die Orgs vorbei kamen. Da wir den Organisatoren dieser Tour natürlich nicht widersprechen wollten, setzten wir uns mit geputzten Zähnen zusammen mit den Orgs zurück an die Tourtische. Dadurch wurde es aber natürlich wieder eine kurze Nacht – und das vor der Überquerung des Atlasgebirges, die für den nächsten Tag anstand. Aber dazu bald mehr.

Kommentare

Schön, dass es euch gut geht und dass ihr Marrakesch genießen konntet. Eure Nachbarn auf dem Campingplatz tun uns Leid – es ist wirklich schlimm, wenn es so laut ist und man nicht schlafen kann. Vielleicht solltet ihr auch mal versuchen zu schlafen???? Ihr habt’s gut mit dem Wetter – heute scheint hier auch die Sonne, aber die Grade sind minus und es liegen gut 15cm Schnee. Schickt mal etwas von der afrikanischen Sonne rüber! Weiterhin gute Fahrt – UND RUHIGE NÄCHTE ;) Alles Liebe MuP

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